DRAGONLANCE "DIE CHRONIK DER DRACHENLANZE" BUCH: DRACHENZWIELICHT AUTOREN: MARGARET WEIS & TRACY HICKMAN KAPITEL NR. 1: DER ALTE MANN Tika Waylan richtete seufzend ihren Rücken auf und bewegte ihre Schultern, um die verkrampfte Muskeln zu lockern Sie war den seifigen Putzlappen in den Wasserkübel und sah sich im leeren Raum um. Es wurde immer schwieriger, dieses alte Wirtshaus zu halten. Zwar war das Holz liebevoll poliert, aber Liebe und Wachs konnten die Sprünge und Risse in den abgenutzten Tischen nicht verbergen. Das Wirtshaus zur letzten Bleibe war alles andere als geschmackvoll eingerichtet, im Unterschied zu jenen Wirtshäusern in der Stadt Haven, von denen sie gehört hatte. Aber es war gemütlich. Der Baum, in dem die Gaststube gebaut war, umfing sie zärtlich mit seinen uralten Ästen, während die Wände und Möbelstücke um die Zweige des Baumes mit einer solchen Sorgfalt verarbeitet waren, daß unmöglich zu erkennen war, wo das Werk der Natur aufhörte und die Geschicklichkeit der Menschen begann. Die Theke schien wie eine glänzende Woge um das lebende Holz zu steigen und zu fallen. Das Buntglas in den Fensterscheiben warf ein angenehmes Licht in den Raum. Die Schatten schrumpften zusammen, als es Mittag wurde. Das Wirtshaus zur letzten Bleibe würde bald öffnen. Tika sah sich um und lächelte zufrieden. Die Tische waren sauber poliert. Sie mußte nur noch den Boden fegen. Sie begann gerade, die schweren Holzbänke zur Seite zu schieben, als Otik aus der Küche trat. "Könnte wieder ein herrlicher Tag werden - sowohl was das Wetter als auch das Geschäft angeht", sagte er und quetschte seinen stämmigen Körper hinter die Theke. Während er die Krüge aufstellte, pfiff er fröhlich ein Lied. "Mir wären ein ruhigeres Geschäft und wärmeres Wetter lieber", antwortete Tika und zerrte an einer Bank. "Gestern habe ich mir die Füße Wundlaufen und wenig Dank erhalten und noch weniger Trinkgeld. So ein finsteres Publikum! Alle nervös; bei jedem Geräusch springen sie hoch. Gestern abend habe ich einen Krug fallen gelassen und - ich schwöre dir - Retark hat sofort sein Schwert gezogen!" "PH" erwiderte Otik. "Retark gehört zur Wache der Sucher von Solace. Die sind immer nervös. Das wärst du auch, wenn du für Hederik arbeiten müßtest, diesen Fant..." "Vorsicht", warnte Tika. Otik zuckte mit den Schultern"Solange der Oberste Theokrat nicht fliegen kann, wird er uns nicht belauschen. Ich würde seine Stiefel auf den Stufen hören, bevor er mich hören könnte." Aber Tika bemerkte, daß seine Stimme leiser wurde, als er fortfuhr. "Die Bewohner von Solace werden sich das alles nicht mehr lange gefallen lassen, denke an meine Worte! Leute verschwinden, werden wer weiß wohin verschleppt. Es ist eine traurige Zeit." Er schüttelte den Kopf. Dann strahlte er:"Aber gut fürs Geschäft!" "Bis auch wir dich machen", sagte Tika düster. Sie griff nach dem Besen und fing energisch an zu fegen. "Selbst Theokraten müssen ihre Bäuche stopfen und das Feuer und den Schwefel aus ihrer Kehle spülen." Otik gluckste:"Es muß schon eine durstmachende Arbeit sein, den Leuten tagein, tagaus flammende Ansprachen über die neuen Götter zu halten - er ist jeden Abend hier." Tika hörte mit dem Fegen auf und lehnte sich gegen die Theke. "Otik", sagte sie ernst, ihre Stimme war gedämpft. "Es gibt auch noch andere Gerüchte - Gerüchte über Krieg. Im Norden sammeln sich Soldaten. Und diese seltsamen Kapuzenmänner in der Stadt, die sich mit den Obersten Theokraten herumtreiben und Fragen stellen." Otik betrachtete zärtlich das neunzehnjährige Mädchen und streichelte ihre Wange. Er war zu ihr wie ein Vater, seitdem ihr leiblicher Vater auf mysteriöse Weise verschwunden war. Er zupfte an ihren roten Locken. "Krieg. PH!" Er rümpfte die Nase. "Seit der Umwälzung wird über Krieg geredet. Es ist nur Gerede, Mädchen. Vielleicht verbreitet der Theokrat solche Gerüchte, um die Leute bei der Stange zu halten." "Ich weiß nicht." Tika runzelte die Stirn. "Ich..." Plötzlich öffnete sich die Tür des Wirtshauses. Tika und Otik schraken beunruhigt auf und wandten sich zur Tür. Sie hatten keine Schritte auf den Stufen gehört, und das war unheimlich! Das Wirtshaus der letzten Bleibe war hoch in die Zweige eines mächtigen Vallenholzbaumes gebaut worden, so wie jedes Gebäude in Solace, außer der Schmiede. Während des Terror und Chaos, die der Umwälzung folgten, hatten die Städter beschlossen, sich in den Bäumen niederzulassen. Und so war aus Solace eine Baumstadt geworden, eines der wenigen wahrhaft schönen Wunder auf Krynn. Stabile hölzerne Brückenwege verbanden die hoch über den Boden thronenden Häuser und Geschäfte, in denen nun die fünfhundert Menschen ihren täglichen Beschäftigungen nachgingen. Das Wirtshaus war das größte Gebäude und lag zwölf Meter über dem Boden. Treppen führten um einen uralten knorrigen Stamm. Wie Otik gesagt hatte, würde man jeden Gast, der zum Wirtshaus wollte, lange hören, bevor man ihn sehen konnte. Aber weder Tika noch Otik hatten den alten Mann gehört. Er stand, auf einen abgenutzten Eichenstock gestützt, in der Tür und sah sich prüfend in der Gaststube um. Die zerfetzte Kapuze seines einfachen grauen Gewandes war übers Gesicht gezogen und verhüllte seine Züge, nur seine scharfen, glänzenden Augen waren sichtbar. "Kann ich euch helfen, Alter?", fragte Tika den Fremden, während sie beunruhigte Blicke mit Otik tauschte. War dieser alte Mann ein Spion der Sucher? "Äh?" blinzelte der alte Mann. "Ist hier geöffnet?" "Nun..." Tika zögerte. "Gewiß", sagte Otik mit einem breiten Lächeln. "Kommt herein, graubart. Tika bring unserem Gast einen Stuhl. Er muß nach dieser langen Kletterei müde sein." "Kletterei?". Der alte Mann kratzte sich am Gesicht und sah sich weiter um. "O ja. Kletterei. Es sind sehr viele Stufe..." Er humpelte herein und schlug mit dem Stock spielerisch in Tikas Richtung. "Mach deine Arbeit weiter, Mädchen. Ich kann selber einen Stuhl suchen." Tika zuckte die Achseln, nahm den Besen und fegte weiter, während ihre Augen an dem Alten Mann haften blieben. Er stand mitten im Raum und sah sich forschend um, als ob er sich den Standort jedes Tisches und jedes Stuhles einprägen wollte. Die Gaststube war groß und verlief bohnenförmig um den Baumstamm. Boden und Decke wurden von den dünneren Ästen. Der alte Mann sah mit besonderem Interesse zum Kamin, der seinen Platz im dritten Viertel des Raumes einnahm. Der Kamin war die einzige Steinmetzarbeit in der Gaststube, offenbar von Zwergenhand geschaffen, und wirkte wie ein Teil des Baumes, wie er sich wie selbstverständlich durch die oberen Zweige schlängelte. Neben dem Kamin stand ein Behälter, der mit Klafterholz und Kiefernscheitern aus den hohen Bergen gefüllt war. Kein Bewohner von Solace würde daran denken, das Holz der eigenen Bäume zu verbrennen. Es gab noch einen Hinterausgang von der Küche: Eine zwölf Meter tiefe Fallvorrichtung, die einige von Otiks Gästen praktisch fanden. Auch der alte Mann. Er murmelte zufriedene Kommentare, während seine Augen umherstreiften. Dann ließ er zu Tikas erstaunen plötzlich seinen Stock fallen, krempelte die Ärmel seines Gewandes hoch und begann die Möbel umzustellen! Tika hörte auf zu fegen und lehnte sich auf den Besen."Was macht ihr da? Dieser Tisch steht immer hier!" Mitten im Gemeinschaftsraum stand ein großer niedriger Tisch. Der alte Mann zerrte ihn durch den Raum, bis er gegenüber dem Baumstamm stand, quer zum Kamin hin, dann trat er zurück und begutachtete sein Werk. "Dort", brummte er, "ist es näher am Kamin. Und einer von ihnen braucht die Wärme. die er spendet... Nun bring mir noch zwei Stühle. Ich brauche hier sechs." Tika schaute zu Otik. Er schien gerade Einspruch erheben zu wollen, als aus der Küche loderndes Licht flackerte. Ein Aufschrei des Kochs gab zu verstehen, daß das Fett wieder Feuer gefangen hatte. Otik eilte auf die Pendeltür zur Küche. "Er ist harmlos", keuchte er Tika im Vorbeigehen zu. "Laß ihn machen, was er möchte - solange es vernünftig ist. Vielleicht gibt er eine Gesellschaft". Tika seufzte und brachte dem alten Mann zwei Stühle, wie er es verlangt hatte. Sie stellte sie dort ab, wo er hinzeigte. "Jetzt", sagte der alte Mann und sah sich schnell um "bring mir noch zwei Stühle, aber bequeme. Stell sie neben den Kamin, in die finstere Ecke. "Es ist nicht finster!", protestierte Tika. "Man sitzt dort im vollen Sonnenlicht." "Ah", die Augen des alten Mannes verengten sich, "aber heute abend wird es finster sein, nicht wahr? Wenn das Feuer angezündet ist..." "Ich, ich glaube ja...", stotterte Tika. "Bring mir die Stühle her. Gutes Mädchen. Und ich will diesen genau hier stehen haben." Der alte Mann deutete auf eine Stelle vor dem Kamin. "Für mich!" "Gebt ihr eine Gesellschaft, Alter", fragte Tika, als sie den bequemsten, jedoch sehr abgenutzten Stuhl hinübertrug. "Eine Gesellschaft". Der alte schien diesen Gedanken lustig zu finden. Er kicherte... "Ja, Mädchen. Es wird eine Gesellschaft sein, die Krynn seit der Umwälzung nicht mehr erlebt hat! Sei bereit Tika Waylan!" Er tätschelte ihre Schulter, zauste ihr Haar, dann wandte er sich um und ließ auf dem Stuhl nieder. "Einen Krug Bier", bestellte er. Tika legte den Besen zur Seite und ging zum Thresen, um ihm einen Krug Bier zu füllen. Plötzlich hielt sie inne und fragte sich, woher er ihren Namen kannte. Sie hob ihren Kopf und wollte den alten Mann gerade danach fragen, als sie bemerkte, daß sie auf einmal alleine war. Der alte Mann war nicht mehr da... Kapitel 2: Das Treffen der alten Freunde. Eine unsanfte Unterbrechung. Flint Feuerschmied brach auf einem mossbedeckten Findling zusammen. Seine alten Zwergenknochen hatten ihn lange genug getragen und waren nicht mehr willig, weiterzumachen. "Ich hätte niemals fortgehen sollen", murrte Flint, als er auf das Tal hinabschaute. Er sprach laut , obwohl er alleine zu sein schien. Lange Jahre des einsamen Wanderns hatten den Zwerg dazu gebracht, Selbstgespräche zu führen. Er schlug beide Hände auf die Knie. "Und ich will verdammt sein, wenn ich jemals wieder auf Wanderschaft gehen sollte!" Der durch die Nachmittagssonne gewärmte Findling tat dem uralten Zwerg wohl, denn er war den ganzen Tag in der kühlen herbstluft gewandert. Flint ruhte sich aus und ließ die Wärme in seine Knochen eindringen - die Wärme der Sonne und die Wärme seiner Gedanken. Er war endlich zu Hause... Er sah sich um, seine Augen verweilten liebevoll auf der vertrauten Landschaft. Die unter ihm liegenden Gebirgshänge bildeten einen Teil eines hohen Gebirgsbeckens, das in herbstliche Farbenpracht getaucht war. Die Vallenholzbäume im Tal funkelten in den Farben der Jahreszeit, die strahlenden Rot- und Goldtöne verblaßten im Purpur der weiter entfernt liegenden Kharolisgipfel. Der makellos azurblaue Himmel über den Bäumen spiegelte sich im Krystalmir-See wider. Dünne Rauchwolken kräuselten sich zwischen den Baumwipfeln - der einzige Hinweis auf die Stadt Solace. Ein sanfter Dunst hüllte das Tal in den süßen Duft verbrannten Holzes. Während sich Flint ausruhte, zog er einen Holzklotz und einen glänzenden Dolch aus seinem Tornister hervor. Seine Hände bewegten sich automatisch. Seit Ewigkeiten verspürte sein Volk das Bedürfnis, dem Formlosen nach seinem Geschmack Gestalt zu geben. Er selbst war ein recht bekannter Metallschmied gewesen, bis er sich vor einigen Jahren zur Ruhe gesetzt hatte. Er setzte den Dolch an, dann wurde seine Aufmerksamkeit abgelenkt und mit untätigen Händen beobachtete er den Rauch, der aus den verborgenen Kaminen aufstieg. "Das Feuer in meinem Haus ist ausgegangen", klagte Flint leise. Er schüttelte sich, wütend über sentimentalen Empfindungen, und begann, das Holz wie besessen zu bearbeiten. Dann murrte er lauter werdend:"Mein Haus ist nicht bewohnt. Wahrscheinlich ist das Dach undicht, die Möbel ruiniert. Blödsinnige Suche. Das Dümmste, worauf ich mich je eingelassen habe. Mit hundertachtundvierzig sollte ich es eigentlich gelernt haben!" "Du wirst es niemals lernen, Zwerg", antwortete eine ferne Stimme. "Auch nicht, wenn du zweihunderachtundvierzig alte werden solltest!" Der Zwerg ließ das Holz fallen, seine Hand bewegte sich mit ruhiger Gewißheit vom Dolch zur Axt, während er den Pfad herunterspähte. Die Stimme klang vertraut, die erste vertraute Stimme seit langer Zeit. Aber er konnte sich nicht einordnen. Flint blinzelte in die untergehende Sonne. Er glaubte, die Gestalt eines Mannes den Pfad herunterschreiten zu sehen. Er erhob sich und zog sich in den Schatten einer hohen Kiefer zurück, von einer schwerelosen Anmut gekennzeichnet- einer elfischen Anmut, hätte Flint gesagt; jedoch der Körper des Mannes hatte die Schwere und angespannte Muskeln eines Menschen und das Barthaar war entschieden menschlich. Alles, was der Zwerg vom Gesicht des Mannes unter der grünen Kapuze erkennen konnte, waren gebräunte Haut und ein braunrötlicher Bart. Ein Langbogen baumelte über eine Schulter und an seiner linken Hüfte baumelte ein Schwert. Er war in weiches Leder gekleidet, sorgfältig verziert mit den ausgeklügelten Mustern, die die Elfen so lieben. Jedoch konnte kein Elf auf Krynn einen Bart habe... kein Elf außer... "Tanis?", fragte Flint zögernd, als der Mann näher kam. "Richtig". Im bärtigen Gesicht des Fremden zeigte sich ein breites Grinsen. Er öffnete seine Arme und bevor der Zwerg in aufhalten konnte, umschlang er Flint in einer Umarmung, die ihn vom Boden hob. Der zwerg drückte sich für einen kurzen Augenblick eng an seinen alten Freund, dann erinnerte er sich an seine Würde, krümmte und befreite sich aus der Umarmung des Halb-Elfs. "Nun, in den fünf Jahren hast du keine Manieren gelernt", murrte der alte Zwerg. "Immer noch keinen Respekt vor meinem Alter oder meiner Position. Hebt mich hoch wie einen Sack voller Kartoffeln." Flint sah die Straße hinunter. "Hoffentlich hat uns kein Bekannter gesehen." "Ich bezweifle, daß es viele gibt, die sich an uns erinnern", sagte Tanis. Seine Augen musterten liebevoll den untersetzten Freund. "Die Zeit verstreicht für uns nicht so, alter Zwerg, wie es bei den Menschen der Fall ist. Für sie sind fünf Jahre eine lange Zeit und für uns nur ein Augenblick." Dann lächelte er. "Du hast dich nicht verändert." "Was man von anderen nicht behaupten kann." Flint setzte sich wieder auf den Stein und fuhr mit seiner Schnitzerei fort. Finster blickte er Tanis hoch. "Warum der Bart?" Du warst doch schon so häßlich genug." Tanis kratzte sich kurz am Kinn. "Ich war in Ländern, in denen man Elfen nicht wohlgesinnt ist. Der Bart - ein Geschenk meines menschlichen Vaters, sagte er mit bitterer Ironie, "hat geholfen, mein Elfentum zu verbergen." Flint ächzte. Er wußte, daß dies nicht die ganze Wahrheit war. Obwohl der Halb-Elf das Töten verabscheute, würde Tanis sich nicht hinter einem Bart verstecken, um einem Kampf aus dem Wege zu gehen. Holzspäne flogen. "Ich habe mich in Ländern aufgehalten, in denen man niemanden wohlgesinnt ist, egal welcher Rasse er angehört." Flint drehte das Holz prüfend in seiner Hand. "Aber jetzt sind wir Zuhause. All das liegt hinter uns..." "Nicht nach dem, was ich gehört habe", erwiderte Tanis und zog seine Kapuze wieder über das Gesicht, um nicht von der Sonne geblendet zu werden. "Die Sucherfürsten in Haven haben einen Mann namens Hederick zum Obersten Theokraten in Solace ernannt und er ist dabei, die Stadt mit seiner neuen Religion in eine Brutstätte des Fanatismus zu verwandeln." Tanis und der Zwerg drehten sich um und sahen hinab in das friedlich Tal. Lichter begannen aufzuflammen und ließen die Häuser in den Bäumen sichtbar werden. Die Nachtluft war still und ruhig und süß, mit dem Duft verbrannten Holzes aus den häuslichen Kaminen vermischt. Hin und wieder konnten sie von fern die Stimme einer Mutter vernehmen, die ihre Kinder zum Abendessen rief. "Ich habe keine schlechten Nachrichten über Solace gehört", sagte Flint ruhig. "Glaubensverfolgung... Inquisition...", Tanis Stimme klang aus der Tiefe seiner Kapuze unheimlich. Sie war tiefer, trübsinniger, als Flint sie in Erinnerung hatte. Der Zwerg runzelte die Stirn. Sein Freund hatte sich in den fünf Jahren verändert. Elfen verändern sich niemals. Aber Tanis war nur ein Halbelf - ein Kind der Gewalt, da seine Mutter von einem Menschenkrieger vergewaltigt worden war. "Inquisition! Das gilt nur für die, die sich den neuen Theokraten widersetzen, den Gerüchten nach", schnaubte Flint. "Ich glaube nicht an die Götter der Sucher - habe es niemals getan aber ich stelle meinen Glauben nicht auf der Straße zu Schau. Blieb ruhig, und sie lassen dich in Ruhe - das ist mein Motto. Die Sucherfürsten in Haven sind immer noch weise und rechtschaffen. Es ist nur dieser faulige Apfel in Solace, der den ganzen Korb verdirbt. Nebenbei, hast du gefunden, wonach du gesucht hast?" "Zeichen der alten Götter?" fragte Tanis. "Oder inneren Frieden? Ich habe beides gesucht. Was meinst du?" "Nun, ich nehme an, das eine hat etwas mit dem anderen zu tun.", knurrte Flint. Er drehte das Holzstück in seinen Händen, immer noch nicht zufrieden mit seiner Form. "Sollen wir hier die ganze Nach herumstehen und die Kochdüfte riechen? Oder gehen wir in die Stadt und essen zu Abend?" "Laß uns gehen", winkte Tanis. Die zwei schritten gemeinsam den Pfad hinunter. Tanis große Schritte zwangen den Zwerg zu einer schnelleren Gangart. Obwohl es viele Jahre her war, daß sie zusammen gewandert waren, verlangsamte Tanis unbewußt seinen Schritt, während Flint seinen unbewußt beschleunigte. "Du hast also nichts gefunden?", nahm Flint wieder den Faden auf. "Nichts", erwiderte Tanis. "Wie wir vor langer Zeit herausgefunden haben, dienen die einzigen Kleriker und Priester dieser Welt den falschen Göttern. Ich habe Geschichten von Heilungen gehört, aber es hat sich als Betrügerei herausgestellt. Glücklicherweise hat unser Freund Raistlin mich gelehrt, worauf ich achten muß..." "Raistlin", keuchte Flint. "Dieser käsige, dürre Magier. Er ist doch selber ein halber Scharlatan. Immer wehleidig tun und winseln und seine Nase in Dinge stecken, wo sie nichts zu suchen hat. Wenn sein Zwillingsbruder nicht da wäre, der sich um ihn kümmert, hätte schon vor langer Zeit jemand seiner Zauberei ein Ende bereitet." Tanis war froh, daß der Bart sein Lächeln verbarg. "Ich glaube, der junge Mann ist ein besserer Magier, als du denkst", sagte er. "Außerdem mußt du zugeben, daß er lange und unermüdlich gearbeitet hat, um denen zu helfen, die von falschen Klerikern reingelegt worden sind - so wie ich." Er seufzte. "Wofür du wenig Dank erhalten hast, zweifellos", brummte Flint. "Sehr wenig", sagte Tanis. "Die Leute wollen an irgend etwas glauben-selbst dann, wenn sie tief im inneren wissen, daß es falsch ist. Aber ist mit dir? Wie war die Reise in dein Heimatland?" Flint stampfte mit grimmigen Gesicht und ohne zu antworten weiter. Schließlich murmelte er:"Ich hätte niemals gehen sollen." Und sah zu Tanis auf, seine Augen - kaum sichtbar durch die dicken, überhängenden weißen Augenbrauen - sagten dem Halbelf, daß diese Wendung des Gesprächs nicht willkommen war. Tanis verstand den Blick, fragte jedoch weiter. "Was ist mit den Zwergenklerikern? Mit den Geschichten, die wir gehört haben?" Nicht wahr. Die Kleriker verschwanden vor dreihundert Jahren, während der Umwälzung. So sagten jedenfalls die Ältesten." "Genau wie die Elfen", sagte Tanis nachdenklich. "Ich sah..." "PSST!", Tanis streckte warnend seine Hand aus. Flint hielt inne. "Was ist?" flüsterte er. Tanis gab ein Zeichen. "Dort drüben im Gehölz". Flint spähte durch die Bäume und griff dabei nach seiner Streitaxt, die an seinem Rücken geschnallt war. Die roten Strahlen der untergehenden Sonne glitzerten kurz auf einem Stück Metall, das in den Bäumen aufblitzte. Tanis sah es einmal, verlor es und sah es dann wieder. In diesem Moment ging die Sonne unter, ließ den Himmel violett aufleuchten und die nächtlichen Schatten durch den Wald kriechen. Flint blinzelte in die Düsterheit. "ich sehe überhaupt nichts." "Aber ich", sagte Tanis. Er starrte weiterhin auf die Stelle, wo er das Metall gesehen hatte und allmählich machten seine Elfenaugen die warme Aura aus, die von allen Lebewesen ausgestrahlt wurde, aber nur für Elfen sichtbar war. "Wer ist dort?", rief Tanis. Längere Zeit war die einzige Antwort ein schauriger Ton, der die Nackenhaare des Halbelfen zu Berge stehen ließen. Es war ein hohlen, surrender Klang, zuerst leise, dann immer höher und schriller werdend und schließlich in ein hohes schreiendes Winseln übergehend. Zu diesem Geräusch ertönte eine Stimme. "Elfenwanderer, schlag eine andere Richtung ein und laß den Zwerg zurück. Wir sind die Geister jener armen Seelen, die Flint Feuerschmied auf dem Boden der Schenke liegen ließ. Starben wir im Kampf?" Die Geisterstimme schwang sich zu neuen Höhen auf, begleitet von den winselnden, surrenden Klängen. "Nein! Wir starben vor Scham, verflucht vom Geist der Weintraube, weil wir nicht in der Lage waren, einen Zwerg aus den Bergen unter den Tisch zu trinken." Flints Bart zitterte vor Zorn, und Tanis, der in Gelächter ausbrach, mußte den wütenden Zwerg an der Schulter festhalten, damit dieser nicht Hals über Kopf in das Gebüsch stürmte. "Verdammt seien die Augen der Elfen und verdammt seien die Bärte der Zwerge", sagte die Geisterstimme fröhlich. "Wer hätte das gedacht?", stöhnte Flint auf. "TOLPAN BARFUß!" Im Untergebüsch raschelte es schwach, dann stand eine kleine Gestalt auf dem Pfad. Es war ein Kender, jene Rasse, die von vielen Bewohnern auf Krynn als genauso lästig wie Fliegen empfunden wurde. Die Kender mit ihrem filigranen Knochenbau wurden selten größer als 1,40 m. Dieser Kender hier war ungefähr genauso groß wie Flint, aber seine schmächtige Gestalt und sein ewig kindliches Gesicht ließen ihn kleiner erscheinen. Er trug eine leichtendblaue Hose, die im scharfen Kontrast zu der Fellweste und dem einfachen, selbstgewebten Überkleid stand. Seine Augen funkelten vor Schalk und Vergnügen; sein Lächeln schien bis zu den Ohrläppchen seiner spitzen Ohren zu reichen. Er neigte seinen Kopf in einer scheinheiligen Verbeugung, so daß eine lange Mähne braunen Haares - sein ganzer Stolz - über seine Nase vorschnellte. Dann richtete er sich auf und lachte. Der metallische Strahl, den Tanis flinke Augen erspäht hatten, war aus einer Schnalle gekommen, an der zahlreiche Bündel, die über Schulter und Hüften hingen, befestigt waren. Tolpan grinste sie an, während er sich auf seinem Hupakstab stützte. Und genau dieser Stock hatte den unheimlichen Ton erzeugt. Tanis hätte diesen Klang sofort erkennen müssen, da er schon häufig den Kender erlebt hatte, der viele Möchtegernangreifer abgeschreckt hatte, indem er den Stab in die Luft wirbelte und so dieses schreiende Winseln erzeugte. Es war eine Erfindung der Kenderrasse: Der Boden des Hupak war kupferplatiert und lief spitz zu: das obere Ende war gabelförmig gespalten und mit einer Lederschlinge versehen. Der Stab selber war aus einem einzigen Stück biegsamen Weidenholzes hergestellt. Obwohl von jeder anderen Rasse auf Krynn verspottet, war der Hupak für einen Kender mehr als ein nützliches Werkzeug oder eine Waffe - es war sein Symbol. "Neue Wege erfordern einen Hupak ", war ein bekanntes Sprichwort unter Kendern. Und diesem schloß sich ein anderes Sprichwort an:"Kein Weg ist ständig alt." Tolpan rannte plötzlich mit ausgebreiteten Armen auf sie zu. "Flint!" Der Kender warf seine Arme um den Zwerg und drückte in an sich. Flint erwiderte die Umarmung verlegen und widerstrebend und trat schnell zurück. Tolpan grinste und sah dann zum Halb-Elf hoch. "Wer ist dann?" Er ächzte"TANIS!" Ich hab dich mit dem Bart gar nicht erkannt!" Er streckte seine kurzen Arme aus. "Nein danke", sagte Tanis lächelnd und winkte ab. " Ich will meinen Geldbeutel behalten." Mit einem plötzlich besorgten Gesichtsausdruck griff Flint unter seinen Waffenrock. Sein Messer war nicht mehr da! "DU SCHUFT!", brüllte er und sprang dem Kender nach, der lachend einen Haken schlug. Die beiden fielen in den Staub. Tanis begann lachend, Flint von dem Kender wegzuziehen... KAPITEL 3: RÜCKKEHR ZUM WIRTSHAUS EIN SCHOCK. Fast alle Bewohner von Solace schafften es in diesen Tagen, während der Abendstunden in das Wirtshaus zur letzten Bleibe einzukehren. Die Menschen fühlten sich in der Menge sicherer. Solace war seit langer Zeit ein Treffpunkt für Reisende. Sie kamen aus Nordosten von Haven, der Hauptstadt der Sucher. Sie kamen aus dem Süden gelegenen Königreich der Elfen, Qualinesti. Zuweilen kamen sie aus dem Osten über die unfruchtbaren Ebenen von Abanasia. In der ganzen zivilisierten Welt was das Wirtshaus zur letzten Bleibe als Zuflucht für Reisende und Umschlagplatz für Neuigkeiten bekannt. Und auf dieses Wirtshaus steuerten die drei Freunde zu. Der riesige gewundene Stamm erhob sich zwischen den umgebenden Bäumen. Die farbigen Fensterscheiben des Wirtshauses leuchteten hell gegen die Schatten des Vallenholzbaumes und Stimmen waren durch die Fenster zu hören. In den Zweigen hängende Laternen beleuchteten die sich hochschlängelnden Treppenstufen. Obwohl sich die Herbstnacht kühl in den Bäumen in Solace niederließ, spürten die Reisenden die Gemeinschaft, und Erinnerungen wärmten ihre Seelen und wuschen die Schmerzen und Leiden der Straße fort. Das Wirtshaus war an diesem Abend dermaßen überfüllt, daß die drei ständig gezwungen waren, auf den Stufen beiseite zu treten, um Männer, Frauen und Kinder vorbeizulassen. Tanis fiel auf, daß die Leute ihn und seine Begleiter mißtrauisch musterten - es waren keine willkommen heißenden Blicke, so wie es noch vor fünf Jahren der Fall gewesen war. Tanis Miene verdüsterte sich. Dies war nicht die Heimkehr, von der er geträumt hatte. Niemals hatte er in den fünfzig Jahren, die er in Solace verbracht hatte, eine derartige Spannung gespürt. Die Gerüchte, die er über die bösartigen Machenschaften der Sucher gehört hatte, mußten stimmen. Fünf Jahre zuvor waren die Männer, die sich selbst "Sucher" nannten ("wir suchen die neuen Götter"), eine lose Organisation von Klerikern gewesen, die ihre neue Religion in den Städten Haven, Solace und Torweg praktizierten. Diese Kleriker waren in die Irre geführt worden, so glaubte Tanis, aber zumindest waren sie ehrlich und aufrichtig. In den darauffolgenden Jahren hatten die Kleriker jedoch mit dem Aufblühen ihrer Religion immer mehr an Prestige gewonnen. Sehr bald kümmerten sie sich weniger um die Herrlichkeit des Lebens nach dem Tode und mehr um die Macht auf Krynn. Mit dem Segen der Bewohner übernahmen sie die Regierung der Städte. Eine Berührung an Tanis Arm unterbrach seine Gedanken. Flint zeigte schweigend nach unten. Als Tanis hinunterschaute sah er Wachen vorbeiziehen, jeweils im Vierertrupp. Sie waren bis auf die Zähne bewaffnet und stolzierten mit wichtigtuerischen Mienen. "Zumindest sind es Menschen und keine Goblins", sagte Tolpan. "Ich frage mich, was sich hier vor sich geht. Vielleicht wissen unsere Freunde mehr", sagte Flint. "Falls sie hier sind", fügte Tolpan hinzu. "In fünf Jahren kann eine Menge passieren." "Falls sie leben, werden sie da sein", erwiderte Flint mit gedämpfter Stimme. " Wir haben einen heiligen Eid geschworen, uns nach fünf Jahren wiederzutreffen, um zu berichten, war wir über das Böse, das sich in der Welt ausbreitet, herausgefunden haben. Kaum zu glauben, daß wir zurückkehren und das Böse an der eigenen Haustür vorfinden!" "Still, Pst!!", Mehrere Vorübergehende sahen bei den Worten des Zwerges so beunruhigt aus, daß Tanis den Kopf schüttelte. "Wir sollten hier lieber nicht darüber reden", riet der Halb- Elf. Als sie die oberste Stufe erreicht hatten, rieß Tolpan die Tür weit auf. Eine Woge von Licht, Geräuschen, Wärme und dem vertrauten Geruch von Otiks Würzkartoffeln schlug ihnen entgegen und überschwemmte sie besänftigend. Otik stand hinter der Theke, so wie sie ihn in Erinnerung hatten. Er hatte sich nicht verändert, außer, daß er vielleicht ein wenig korpulenter geworden war. Auch das Wirtshaus hatte sich nicht verändert, außer, daß es noch gemütlicher wirkte. Tolpan, dessen flinke Kenderaugen die Menschenmenge überflog, schrie auf und zeigte quer durch den Raum. Etwas anderes hatte sich auch nicht verändert: Der Schein des Feuers flackerte auf einem glänzenden, geflügelten Drachenhelm. "Wer ist da?", fragte Flint, der sich bemühte, etwas zu erkennen. "Caramon", antwortete Tanis. "Dann wird Raistlin auch hier sein", sagte Flint ohne jegliche Wärme in der Stimme. Tolpan schlüpfte bereits durch die murmelnden Menschenknoten, sein kleiner, geschmeidiger Körper wurde kaum wahrgenommen. Tanis hoffe inbrünstig, daß der Kender keine Gegenstände von den Gästen "erwarb". Es war nicht so, daß er stahl, - Tolpan wäre zutiefst verletzt, wenn man ihn des Diebstahls beschuldigen würde. Aber der Kender war unersättlich neugierig und verschiedene interessante Gegenstände, die anderen Leuten gehörten, fielen irgendwann in seinen Besitz. Das letzte, was Tanis heute abend wollte, war Ärger. Er nahm sich vor, mit dem Kender einmal unter vier Augen zu reden. Der Halb-Elf und Zwerg bahnten sich ihren Weg durch die Menschenmenge, nicht so mühelos wie ihr kleiner Freund. Fast jeder Stuhl, fast jeder Tisch war besetzt. Jene, die keinen Sitzplatz gefunden hatten, standen herum und unterhielten sich leise. Tanis und Flint wurden düster, mißtrauisch und neugierig gemustert. Niemand grüßte Flint, obwohl viele der Gäste alte Kunden des Zwerges gewesen waren, als er noch als Metallschmied gearbeitet hatte. Die Menschen von Solace hatten ihre eigenen Probleme und es war offensichtlich, daß Tanis und Flint als Fremde betrachetet wurden. Ein Gebrüll drang durch den Raum von dem Tisch, auf dem der Drachenhelm lag und das Licht vom Feuer reflektierte. Tanis düsteres Gesicht entspannte sich zu einem Lächeln, als er sah, wie der riesige Caramon den kleinen Tolpan vom Boden in einer Bärenumarmung hochhob. Flint, der sich durch ein Meer von Gürtelschnallen kämpfte, konnte sich den Anblick nur vorstellen, als er Caramons dröhnende Stimme auf Tolpans piepsende Begrüßung antworten hörte. "Caramon sollte besser auf seine Geldbörse aufpassen", brummte Flint, "oder seine Zähne zählen." Schließlich hatten der Zwerg und de Halb-Elf die Menschentraube an der langen Theke überwunden. Der Tisch, an dem Caramon saß, war gegen den Baumstamm geschoben worden, in eine in der Tat merkwürdige Position. Tanis fragte sich, warum Otik ihn so hingestellt hatte, da doch alles andere beim alten geblieben war. Aber der Gedanke wurde geradezu zerquetscht, denn nun war er an der Reihe, die herzliche Begrüßung des riesigen Kriegers entgegenzunehmen. "Mein Freund!" Caramons Augen schimmerten feucht. Er wollte etwas sagen, wurde aber von seinen überwältigt. Auch Tanis war einen Moment lang nicht in der Lage zu sprechen, aber nur deswegen, weil Caramons muskulöse Arme ihn am Atmen hinderten. "Wo ist Raistlin?", fragte er schließlich, als er wieder sprechen konnte. Die Zwillinge waren niemals weit voneinander entfernt. "Dort", Caramon nickte zum Ende des Tisches hin. Dann runzelte er die Stirn. "Er hat sich verändert.", warnte der Kämpfer Tanis. Der Halb Elf schaute in eine Ecke, die sich durch eine Unregelmäßigkeit des Vallenholzbaumes gebildet hatte. Die Ecke war in Schatten getaucht und einen Moment lang konnte er nach dem grellen Schein des Feuers überhaupt nichts erkennen. Dann erblickte er eine schmächtige Gestalt, die in roten Gewändern zusammengekauert dasaß, trotz der Wärme des nahen Feuers. Das Gesicht war von einer Kapuze verdeckt. Tanis empfand plötzlich ein Unbehagen, allein mit dem jungen Magier zu sprechen, aber Tolpan hatte sich auf die Suche nach der Bedienung gemacht und Flint wurde nun von Caramon hochgehoben. Tanis bewegte sich auf das Ende des Tisches zu. "Raistlin?", fragte er. Ihn überfiel ein seltsames Gefühl der Vorahnung. Die vermummte Gestalt blickte auf. "Tanis?", flüsterte der Mann, als er langsam die Kapuze hochzog... Der Halb-Elf holte tief Luft und wich einen Schritt zurück. Er erstarrte fast vor Angst. Das Gesicht, das sich ihm aus den Schatten zuwendete, war das Gesicht aus einem Alptraum. Verändert hatte Caramon gesagt! Tanis schauderte. "Verändert" war nicht das richtige Wort! Die weiße Haut des Magiers hatte eine goldene Farbe angenommen. Sie glänzte im Schein des Feuers metallisch und sah aus wie eine grausige Maske. Die Lippen waren zu einer dunklen, geraden Linie festgezogen. Aber es waren die Augen des Mannes, die Tanis Aufmerksamkeit fesselten und ihn in ihrem schrecklichen Blick festhielten. Denn die Augen waren nicht mehr die Augen eines Lebewesens. Die schwarzen Pupillen hatten jetzt die Form von Stundengläsern. Die einstmals blaßblaue Iris erinnerte Tanis jetzt an funkelndes Gold! "Ich sehe, mein Aussehen erschreckt dich", flüsterte Raistlin. Auf seinen dünnen Lippen lag die schwache Andeutung eines Lächelns. Tanis setzte sich dem jungen Mann gegenüber und schluckte. "Im Namen der wahren Götter, Raistlin..." Flint ließ sich auf den Stuhl neben Tanis plumpsen. "Heute wurde ich so viele Male in die Luft gehievt, wie..." Flints Augen weiteten sich. "Welches Unheil ist hier am Werke. Bist du verflucht?" Der Zwerg keuchte, während er Raistlin anstarrte. Caramon setzte sich neben seinen Bruder. Er hob seinen Krug Ale und blickte kurz zu Raistlin. "Willst du es ihnen erzählen, Raist?", fragte er leise. "Ja", Raistlin dehnte das Wort zu einem Zischen, das Tanis erzittern ließ. Der junge Mann sprach mit sanfter, pfeifender Stimme, es war kaum mehr als ein Flüstern, als wäre er nur noch so in der Lage, die Worte aus seinem Körper zu pressen. "Erinnert ihr euch, als wir uns vor fünf Jahren trennten?", begann Raistlin. "Mein Bruder und ich planten eine Reise, die so geheim war, daß ich nicht einmal euch, meine teuren Freunde, erzählen konnte, wohin wir gehen wollten." In der sanften Stimme lag ein sarkastischer Unterton. Tanis biß sich auf die Lippe. Raistlin hatte niemals in seinem ganzen Leben "teure Freunde" gehabt. "Ich wurde von Par-Salian, dem Oberhaupt meines Ordens, auserwählt, mich den Prüfungen zu unterziehen", fuhr Raistlin fort. "Die Prüfungen!", wiederholte Tanis betäubt. "Aber du warst noch zu jung. Die Prüfungen dürfen doch nur Magier ablegen, die jahrelang studiert haben..." "Dann kannst du meinen Stolz sicherlich verstehen", sagte Raistlin kalt, verärgert über die Unterbrechung. "Mein Bruder und ich reisten zu dem geheimen Ort - den sagenhaften Türmen der Erzmagier. Und dort bestand ich die Prüfungen." Die Stimme des Magiers wurde schwach. "Und dort wäre ich beinahe gestorben..." Caramon konnte, von Gefühlen übermannt, die Tränen kaum zurückhalten. "Es war schrecklich", erzählte der große Mann mit bebender Stimme."Ich fand ihn an diesem furchtbaren Ort, Blut floß aus seinem Mund, er lag im Sterben! Ich hob ihn auf und..." "Genug Bruder!" Raistlin sanfte Stimmte schnalzte wie eine Peitsche. Caramon zuckte zusammen. Tanis sah, wie sich die goldenen Augen des jungen Magiers verengten und sich die schmalen Hände verkrampften. Zwischen den Zwillingen herrschte eindeutig ein neuer Druck, eine Spannung. Raistlin holte tief Luft und fuhr mit seiner Geschichte fort. "Als ich erwachte", erzählte der Magier, "hatte meine Haut diese Farbe angenommen - ein Merkmal meines Leidens. Mein Körper und meine Gesundheit sind für immer zerstört. Und meine Augen! Ich sehe durch Stundenglaspupillen und darum sehe ich die Zeit - so wie sie sich auf alle Dinge auswirkt. Selbst wenn ich dich jetzt ansehe, Tanis.", flüsterte der Zauberer, "sehe ich dich sterben, ganz langsam und allmählich. Und so sehe ich jedes Lebewesen." Raistlins dünne, klauenhafte Hand hielt Tanis Arm fest umklammert. Der Halb-Elf schauerte unter der kalten Berührung und wollte seinen Arm wegziehen, aber die goldenen Augen und die kalte Hand waren stärker. Der Magier lehnte sich nach vorn, seine Augen glühten fiebrig. "Aber ich verfügte jetzt über Macht!", wisperte er. "Par Salian sagte mir, daß der Tag kommen wird, an dem meine Macht die Welt verändern wird. Ich habe Macht und", er gestikulierte "den Stab den Magus!" Tanis sah auf und erblickte den Stab, der gegen den Vallenholzstamm lehnte, in Reichweite von Raistlins Hand. Ein einfacher Holzstab, an dessen Spitze eine helle Kristallkugel, von einer körperlosen goldenen Klaue umklammert, einer Drachenklaue ähnlich, funkelte. "War es das wert?", fragte Tanis ruhig. Raistlin starrte ihn an, dann teilten sich seine Lippen zu einem fratzenhaften Grinsen. Er zog seine Hand von Tanis Arm fort und steckte seine Arme in die Ärmel seines Gewandes. "Natürlich!", zischte er. "Die Macht ist es, nach der ich so lange suchte- und weitersuchen werde." Er lehnte sich zurück und seine schmächtige Figur verschmolz mit den dunklen Schatten, bis Tanis nur noch die goldenen Augen sehen konnte, die im Schein des Feuers glänzten... ENDE! Die Rechte des Textes liegen bei Wizards of the Coast, Inc. Deutsche Rechte beim Wilhelm Goldmann Verlag, München